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Du bist nicht zu alt dafür

Es ist Montagmorgen. Du liest die Blaupause, den Newsletter, mit dem du Communitys besser verstehst und erfolgreich Mitgliedschaften anbietest. Heute: Woher das Geld für deine Medien-Selbstständigkeit kommen könnte.

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Wie finanzieren wir den Journalismus der Zukunft?

Beim scoopcamp kommen über 150 Entscheider*innen der Medienbranche zusammen, um über die wirtschaftliche Zukunft des Journalismus zu sprechen. Im Fokus: tragfähige Geschäftsmodelle, strategische Perspektiven und konkrete Erfahrungen aus der Praxis.

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Hallo!

Du bist du nicht mehr ganz so jung, willst aber kündigen und dein eigenes Medien-Ding machen? Dann bekommst du diese Woche eine pragmatische Blaupause-Anleitung.

Erstmal eine gute Nachricht: Du fühlst dich vielleicht alt, aber rein statistisch bist du es nicht. Am erfolgreichsten sind Gründer:innen zwischen 40 und 50.

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Mittelalte Gründer:innen sind am erfolgreichsten. Quelle: Azoulay, Pierre, Benjamin F. Jones, J. Daniel Kim, and Javier Miranda. 2020. "Age and High-Growth Entrepreneurship." American Economic Review: Insights, 2 (1): 65-82.

Auch ist es für sehr junge Gründer:innen schwierig, ein erfolgreiches Medien-Startup hinzubekommen. Ihnen fehlen die Erfahrungen und das Netzwerk, meistens auch noch die Reichweite. Es ist unfair, Absolvent:innen für die Zukunft der Medien™ verantwortlich zu machen, nur weil sie aussehen wie Klischee-Start-up-Leute. Du siehst vielleicht nach einigen Jahren Berufsleben nicht mehr so aus wie das Klischee – dafür stehen deine Chancen wesentlich besser.

Am Anfang musst du allerdings erstmal: überleben. Bis dein Umsatz die Kosten deckt (der Break Even), bewegt sich dein Kontostand immer weiter ins Minus. Ich versuche mal, das Problem stark vereinfacht darzustellen. 

Des amerikanische Programmierer Paul Graham hat dafür vor langer Zeit (Öffnet in neuem Fenster) den Fachbegriff ramen profitable etabliert. Der Name bezieht sich dabei auf ein Fertiggericht, nämlich die ikonische Ramen-Suppe aus dem Plastikbecher. Aufgegossen mit heißem Wasser ist das so ziemlich die billigste Mahlzeit, die man in einem amerikanischen Supermarkt kaufen kann. In einer früheren Blaupause (Öffnet in neuem Fenster) habe ich das mal als “Miracoli-profitabel” übersetzt.

Verfolgst du die Strategie der Ramen-Profitabilität, müssen die Kosten runter. "Ramen-profitabel" ist ein Unternehmen dann, wenn du kein Geld mehr auftreiben musst, um zu überleben. Du verdienst also eine Summe, die dich gerade so am Leben hält – zur Not mit Plastikbechersuppe – und deine möglichst geringen Kosten deckt. Je weniger du in dieser Phase ausgibst, desto besser. So lang isst du Fertig-Ramen. (Ganz ehrlich: Es gibt schlimmeres Essen.) 

Graham (der übrigens auch für den Begriff founder mode verantwortlich ist) fand damit ein schön-schreckliches Bild für die Strategie, auf die die meisten Creators wahrscheinlich zurückgreifen, um nicht aufgeben zu müssen, bevor es richtig losgeht. So lang dein Unternehmen Geld verbrennt, musst du entweder Investoren finden oder dicht machen. Bist du aber Ramen-profitabel, kannst du einfach weitermachen. 

Was das für dich konkret heißt, wenn du nicht mehr 25 bist: Du hast wahrscheinlich weniger Toleranz für Risiko, weil andere von deinem Einkommen abhängen. Das bedeutet nicht, dass Gründen für dich unrealistischer ist – im Gegenteil, siehe oben. Es bedeutet nur, dass du dir vorher ehrlich ausrechnen solltest: Wie viele Monate Ramen-Phase kannst du dir wirklich leisten, bevor es an die Substanz geht?

Der Trick ist, nicht zu sterben

Ramen-Profitabilität ist natürlich nicht das Ziel, so ein Leben wäre auf Dauer traurig. Graham schreibt: "A startup's destination is to grow really big; ramen profitability is a trick for not dying en route." Denn tatsächlich scheitern ein Drittel der Start-ups unter anderem daran, das ihnen das Geld ausgeht. Der einzige noch häufigere Grund: Niemand interessiert sich für das Produkt.   

Wie kommst du jetzt in diesen magischen Zustand der Ramen-Profitabilität? Meiner Meinung nach gibt es dazu einen goldenen Weg. Und es gibt einige akzeptable Kompromisse.

Kompromiss 1: Gründungsförderung  

Es gibt in Deutschland hervorragende Programme spezieller Institute der Landesmedienanstalten, die Creators helfen, ein Medien-Startup zu gründen. Die mir bekannten sind das Journalismus Lab (Öffnet in neuem Fenster) in Nordrhein-Westfalen, das Media Lab Bayern (Öffnet in neuem Fenster), das Medieninnovationszentrum Babelsberg (Öffnet in neuem Fenster) in Berlin-Brandenburg und Next Media Hamburg (Öffnet in neuem Fenster). (mit allen habe ich in irgendeiner Form schon etwas zu tun gehabt oder zusammengearbeitet.) 

Es gibt viele Vorteile so einer Förderung. Der Kompromiss besteht meiner Meinung nach darin, dass die Institute selbst stark reguliert sind. Mal dürfen sie nur Technologien fördern, aber keine Inhalte; mal braucht es Ausschreibungen, dann wieder findet die nächste Sitzung erst in mehreren Monaten statt und so weiter. Ehe man es sich versieht, ist man Rädchen im Getriebe einer Institution, die – aus nachvollziehbaren Gründen – jede Menge Regeln zu beachten hat. Das hält auf und lenkt ab. 

Der wichtigste Nachteil ist aber meiner Meinung nach ist aber, dass die Fördersummen recht niedrig sind. Das alles bewegt sich im Rahmen von Ramen. Was okay wäre, wenn nicht dieser zusätzliche zeitliche und bürokratische Aufwand entstünde. Im Grunde finanzierst du dir mit der Förderung die Möglichkeit, am Programm teilzunehmen. Aber nicht die eigentlich wichtige Arbeit an deinem Startup.

Die Leute, die dort arbeiten, sind keineswegs verschnarchte Bürokrat:innen, ganz im Gegenteil. Ich wünschte, in manch großem Medienunternehmen gäbe es ähnlich viel Kreativität und Kompetenz. Ich finde diese Institutionen also grundsätzlich sehr gut. Es geht mir nur um Erwartungsmanagement.

Seit ein paar Jahren gibt es auch den Media Forward Fund (Öffnet in neuem Fenster). Dahinter stehen unter anderem die Schöpflin Stiftung, die Rudolf Augstein Stiftung, die Zeit Stiftung Bucerius und die MacArthur Foundation, gebündelt in einem Fund, der für Deutschland, Österreich und die Schweiz zuständig ist.

Der wichtige Unterschied zu den Landesmedienanstalts-Programmen: Hier geht es um andere Summen. 16 Millionen Euro stehen insgesamt zur Verfügung, pro Förderpartner sind bis zu 400.000 Euro drin. Das ist Geld, mit dem man tatsächlich ein Geschäftsmodell entwickeln kann. Der Fund fördert explizit die Entwicklung tragfähiger Geschäftsmodelle in gemeinwohlorientierten Medien (keine Sorge, kann vieles heißen).

Der Kompromiss bleibt der gleiche wie bei jeder Förderung: Du bewirbst dich, du wartest, du schreibst Anträge und Berichte statt an deinem Produkt zu arbeiten. Aber die Aussicht ist hier deutlich besser. Die nächste Ausschreibung beginnt im September (Öffnet in neuem Fenster).

Kompromiss 2: (Impact-)Investor:innen

Klassische Risikokapital-Geber werden nicht in Content-Startups investieren. Es gibt aber Investor:innen, denen es nicht um den Profit geht, sondern die an einer ideellen Rendite interessiert sind. Der return of investment besteht für sie nicht in mehr Geld, sondern in mehr Journalismus, mehr Demokratie, impact. Erfolgreiche und dadurch reiche Menschen sind meiner Erfahrung nach nicht notwendigerweise gierig. Im Gegenteil gibt es immer mehr wohlhabende Menschen, die sich Gedanken darüber machen, wie sie mit ihrem Geld etwas Sinnvolles tun, selbst wenn sie es nicht von der Steuer absetzen können. Früher nannte man das Mäzenatentum. Heute heißt es Impact Investment.

Fragst du dich jetzt, wo man diese Menschen findet? Also, ich kenne hunderte von ihnen, genauer gesagt mindestens 615. Das ist die Zahl der Menschen, die Anteile an der Krautreporter-Genossenschaft (Öffnet in neuem Fenster) besitzen. Auch die Taz gehört bekanntlich einer Genossenschaft (Öffnet in neuem Fenster), bestehend aus so vielen Mitgliedern wie noch nie: Etwa 25.000 sind es inzwischen. Ein weiteres Beispiel sind die von einer Genossenschaft getragenen Riffreporter (Öffnet in neuem Fenster).

Aber auch ohne Genossenschaft sind manche Investor:innen bereit, Geld gegen Anteile zu tauschen. Rums (Öffnet in neuem Fenster) ist von Lokalpatriot:innen aus Münster getragen. Und Neue Narrative (Öffnet in neuem Fenster) ist ist ein Medienunternehmen, das durch das Modell des Verantwortungseigentums (Öffnet in neuem Fenster) profitables Wirtschaften und gesellschaftlichen Auftrag zusammenbringt und dadurch trotzdem Investor:innen an Bord haben kann.

Der Kompromiss: Investoren zu finden hält enorm auf. Es ist viel Arbeit bei unbekannten Erfolgsaussichten. Und danach gehört dir dein Unternehmen halt nicht mehr allein. Du kannst nicht mehr tun und lassen, was du willst. Es ist einfacher, sich scheiden zu lassen, als Mit-Gesellschafter wieder loszuwerden. 

Kompromiss 3: Side Hustles

Solange das Produkt selbst noch nicht genügen Geld abwirft, arbeiten viele Gründer:innen nebenher. Sie freelancen zum Beispiel in ihrem alten Job, geben Workshops oder kellnern. Der amerikanische Begriff dafür lautet Side Hustle, also in etwa "Nebenbei-Hektik", und das trifft es ganz gut. 

Das Internet bietet mindestens hunderte Möglichkeiten, mit einem Side-Hustle Geld zu verdienen, oder gleich mehrere Hektiken zu kombinieren. Der Side Hustle Stack (Öffnet in neuem Fenster) ist eine Liste mit Plattformen für folgende Tätigkeiten: Adult Content Creator, Audio Content Creator, Chef, Coach, Community Leader, Content Creator, E-commerce, Event Organizer, Driver, Fitness Instructor, Gamer, Livestreamer, Personal Shopper, Pet Caretaker, Podcaster, Rentals, Reseller, Restaurant Worker, Salesperson, Tasks & Services, Teacher, TechVideo Course Creator, Writer. (Ganz recht: "Adult Content Creator" bedeutet, sich auszuziehen und die Bilder gegen Geld anzubieten.) 

Die Nachteile dieser Lösung sind offensichtlich. Ein Side-Hustle lenkt ab vom Kernprodukt. Journalistische Startups hören urendwann auf, Journalismus zu produzieren, wenn sie das Geld anderswo verdienen. Ohne es zu planen, wirst du nach und nach zu dem B2B-Dienstleiter, der du nie sein wolltest. 

Kein Kompromiss: deine Community

Meiner Meinung nach ist der beste Weg zur Ramen-Profitabilität für Medien-Gründer:innen die eigene Community. Hier die Kurzversion:

  • Du machst öffentlich, was du vorhast – nicht als fertiges Produkt, sondern als Idee, mit einer Landingpage, einem Video oder einfach einem ehrlichen Text darüber, warum du das machst und was fehlt, wenn du es nicht machst.

  • Du erklärst, wie viel Geld du brauchst, um ramen-profitabel zu werden – konkret, mit Zahl, nicht vage.

  • Du bietest allen, die diese Idee gut finden, an, sie zu ermöglichen: Sie geben dir einen Vertrauensvorschuss und legen Geld zusammen, meistens als wiederkehrende Mitgliedschaft.

Du denkst jetzt wohl gerade: Oh no, ein Crowdfunding. Falsch! Eine Kickstarter-artige Sammel-Aktion ist eine einmalige Sache, ein Strohfeuer. Man sammelt Geld, gibt es aus und ist dann wieder da, wo man angefangen hat. Eine Membership-Kampagne dagegen ist der Beginn einer anhaltenden Beziehung zwischen dir und deiner Community, die sich unter anderem in Geld ausdrückt. Gemeinsam startet ihr dieses Projekt und etabliert dadurch gleich das Geschäftsmodell: wiederkehrende Zahlungen. Du hast erste monatliche Einnahmen und kannst anschließend beginnen, an dem schwierigen Rest zu arbeiten: Was genau ist ein Produkt, das funktioniert? Wie erreiche ich meine Zielgruppe und wer ist das so genau? Wie funktioniert Wachstum? Und so weiter. Aber der Samen ist im Boden. 

Memberships sind ein nachhaltiges, stabiles Geschäftsprinzip. Ich finde, es ist für Creators und Journalist:innen das beste, und auf kurz oder lang wird es zumindest einen Teil deiner Einnahmen ausmachen (müssen). 

Aber ich weiß auch, dass die Membership-Kampagnen-Strategie manchmal einfach nicht passt. Zum Beispiel, weil die Idee noch nicht fertig und damit attraktiv genug ist. Oder weil du keine Reichweite hinbekommst. Oder schlicht, weil das Leben dazwischenkommt und du höhere Kosten hast. Weil: Familie, Kinder, vielleicht sogar ein Auto! Oder du gibst den Lebensstandard einer Festanstellung auf, von dem du schlicht nicht so leicht wieder runterkommst. Deswegen brauchst du mehr Geld. Und das bedeutet: Kompromisse machen. 

Bis Montag!
👋 Sebastian

Mitglieder-Bereich 🔒

Kategorie Startup

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