Es ist Montagmorgen. Du liest die Blaupause, den Newsletter, mit dem du Communitys besser verstehst und erfolgreich Mitgliedschaften anbietest. Heute: Wer an Hass verdient, ist nicht neutral.
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Hallo!
Folgende Nachricht hat mir jemand anonym auf die vergangene Blaupause-Ausgabe zurückgeschrieben:
Dein Meinungsbeitrag war völlig unpassend. Zudem hast du auch offen gelegt, dass du bei Steady in die Inhalte der Creator eingreifst. Damit muss man von der Plattform großen Abstand nehmen. Du machst im Grunde genommen das, was du auch Elon Musk und Jeff Bezos in anderen Beiträgen schon vorgeworfen hast, wenn ich mich recht erinnere. Schade.
Puh.
Diese Kritik ist hart, aber ich höre sie nicht zum ersten Mal. Ich nehme sie ernst, denn ich habe lange genauso argumentiert. Ich will heute ausführen, warum ich unsere Haltung trotzdem für richtig halte.
Wie extrem ist zu extrem?
Fangen wir bei Andrew Tate an. Das ist ein amerikanisch-britischer Ex-Kickboxer, der als Frauenfeind mit ultra-maskulinen Lebensstil bekannt ist und mit seinen Videos junge Männer radikalisiert. In Rumänien läuft seit 2022 ein Verfahren gegen ihn und seinen Bruder wegen Menschenhandels, Vergewaltigung und Bildung einer kriminellen Organisation.
Auf Meta, TikTok und YouTube wegen Hate Speech gesperrt, baut Tate seit diesem Jahr auf der Newsletter-Plattform Substack rasant Reichweite auf. Nahezu eine Million zahlende Subscriber soll seine Publikation haben; sie ist die Nummer 1 in der Kategorie “New Bestsellers”.
Bei Substack ist ein Extremist wie Tate einer der sichtbarsten und lukrativsten Creators auf der Plattform. Bei Steady würden wir mit so jemandem nicht zusammenarbeiten. Wer hat recht?
Substacks Gründer sehen sich als besonders konsequente Verteidiger der Meinungsfreiheit. Zwar gibt es auch dort Content Guidelines. Andrew Tates Inhalte scheinen damit nicht in Konflikt zu stehen. Substack sagt: Was Autor:innen und Leser:innen akzeptieren, ist am wichtigsten. Die Plattform-Betreiber greifen nur im extremen Ausnahmefall ein.
Ich sehe das nicht grundsätzlich anders: Plattformen dürfen keine Wahrheitsministerien sein. Unabhängige Medienmacher:innen dürfen nicht vom persönlichen Geschmack der Betreiber:innen abhängig sein. Sozialer Druck könnten sonst legitime Außenseiterpositionen ausschließen, die einer Mehrheit einfach nicht genehm sind, und so die Meinungsfreiheit beschränken. Und natürlich sind Leser:innen in der Lage, sich eine eigene Meinung über Inhalte zu bilden.
In den ersten Jahren von Steady hatten wir also genau diese Haltung: Es ist nicht unsere Aufgabe, solche Entscheidungen zu fällen.
Dachten wir.
Das sehe ich heute anders
Wie in der vergangenen Ausgabe bereits ausgeführt, begründet Meinungsfreiheit keinen Anspruch darauf, dass jede Plattform, jede Redaktion, jeder Ort eine Meinung verbreiten, verstärken oder monetarisieren muss. Legal etwas sagen zu dürfen, heißt nicht, dass andere es verbreiten müssen.
Denn Verbreiten ist nicht neutral. Wer verbreitet, entscheidet, welche Themen sichtbar werden, welche Inhalte Geld verdienen, welche Communitys wachsen, welche Normen entstehen. Ein Podcast, ein Newsletter, ein Verlag, ein Sender kann nicht so tun, als sei er ein bloßer technischer Dienstleister. Schon die Auswahl ist eine Handlung. Wer Reichweite organisiert, ist Teil der Wirkung.
Das mag etwas wohlfeil klingen; es ist natürlich kompliziert. Also der Reihe nach.
Distribution findet auf verschiedenen Ebenen statt; ich möchte drei unterscheiden:
Es gibt eine Art Basisinfrastruktur: den Internetzugang, das Hosting deiner Webseite, Zahlungsanbieter wie PayPal, Visa, Mastercard. Diese sollten weitgehend neutral handeln. Wer auf dieser Ebene ausgeschlossen wird, wäre faktisch seiner Meinungsfreiheit beraubt.
Darüber liegt eine Aggregations- und Empfehlungsebene, die ich nicht zur Basisinfrastruktur zählen würde. Ich meine Google, den Apple App Store, Chrome, Spotify-Rankings. Hier ist die Auswahl unvermeidbar, und das gibt denen, die diese Ebenen kontrollieren, eine unheimliche Macht. Hier braucht es Transparenz, Konsistenz und klare Verfahren.
Und drittens gibt es redaktionelle Räume. Damit meine ich klassische Medien, aber auch Websites, Podcasts, Communitys – und Membership-Plattformen wie Steady. Hier ist die Auswahl legitim, sogar wünschenswert. Je näher jemand an die Redaktions- und Community-Ebene rückt, desto legitimer ist also die Kuratierung der Inhalte, die er verbreitet.
Für Medien gibt es dabei heute zwei unterschiedliche Ansätze: Plattformneutralität und Plattformpluralität.
Neutralität oder Pluralität?
Plattformneutralität besagt: Jede Plattform sollte möglichst alles zulassen, weil jede Einschränkung Zensur wäre. Alles, was legal ist, muss sagbar sein. Hass, Einschüchterung und Extremismus lassen sich monetarisieren, solange sie unter der Schwelle des juristischen Angreifbaren bleiben. Selbst Moderation von Kommentaren wäre in diesem Modell zweifelhafte Machtausübung.
Plattformpluralität, das ich überzeugender finde, will ein pluralistisches Ökosystem sichern. Nur wenn es Alternativen gibt, seine Meinung anderswo zu äußern, besteht Meinungsfreiheit. Es muss Alternativen geben, und ein Wechsel muss realistisch sein – Nutzer:innen, Publisher und Creators dürfen nicht auf einer einzelnen Plattform gefangen sein. Diese Pluralität ist die Voraussetzung dafür, dass Meinungsfreiheit nicht eingeschränkt wird.
Denn Distribution wird problematisch, wenn ein Kanal so wichtig ist, dass der Ausschluss aus ihm faktisch einen Ausschluss aus der relevanten Öffentlichkeit bedeutet – zum Beispiel bei YouTube, Facebook, Instagram, TikTok und X. Dazu kommt informeller und formeller Einfluss auf ihre Entscheidungen – in den Vereinigten Staaten unter Donald Trump, natürlich in China. Es herrscht Intransparenz: Die Algroithmen von Mark Zuckerberg, Elon Musk und TikTok, bestimmen, was wir hören.
Wer an Hass verdient, ist nicht neutral
Damit zurück zu der Zuschrift vom Anfang und den Vorwurf, ich würde mich wie Elon Musk verhalten und in die Inhalte der Medienmacher:innen eingreifen. Der trifft meiner Meinung nach nämlich auf der Ebene, für die ich zuständig bin, nicht. Steady ist eine Plattform unter vielen. Wer sich bei uns nicht wohl fühlt, findet leicht eine neue Heimat bei Substack, Patreon, Ghost, Beehiive, Kit, oder Claude, ChatGPT, Gemini – es gibt Optionen.
Wir würden nie Inhalte verändern, oder uns überhaupt nur äußern zu den Inhalten unserer Kund:innen. Es wird bei Steady so einiges veröffentlicht, mit dem ich persönlich überhaupt nicht einverstanden bin. Das halten wir problemlos aus und haben auch ein ausreichend stabiles Rückgrat, vom Mainstream abweichende Meinungen zu schützen. Aber im Extremfall beenden wir die Geschäftsbeziehung – nicht willkürlich, abrupt und öffentlichkeitswirksam, sondern nach transparenten Regeln und einem fairen Ablauf.
Substack dagegen musste mehrfach eingestehen, rechtsextreme Newsletter zu hosten und an ihnen zu verdienen und entfernte 2024 erst nach einer Nutzerrevolte einige Neonazi-Publikationen. Anfang diesen Jahres berichtete der Guardian, Substack verdiene weiter Geld mit Newslettern, die Nazi-Ideologie, White Supremacy und Antisemitismus verbreiten.
Substack ist ein Wettbewerber von Steady, darum habe ich an dieser Stelle vielleicht ein Glaubwürdigkeitsproblem. Trotzdem wirft der direkte Vergleich eine grundsätzliche Frage auf: Wo endet Meinungsfreiheit, wo beginnt Mitwirkung? Substacks Position: Schlechte Ideen verlieren in der offenen Auseinandersetzung ihre Macht.
Meine Antwort: Das mag für Debatten gelten. Aber wer Zahlungsinfrastruktur, Reichweite und Monetarisierung bereitstellt, ermöglicht nicht nur die Debatte, sondern das Geschäftsmodell dahinter.
Auch wir haben diesen Fehler gemacht
Auch wir hatten genau dieses Problem. Vor einigen Jahren gab es Publikationen auf Steady, deren Inhalte wir als Gründer nicht mit unseren Werten vereinbaren konnten. Aber unsere damaligen Community-Richtlinien zogen so wenig präzise Grenzen, dass wir keine guten Argumente hatten, um dagegen vorzugehen.
Konkrete Beispiele will ich hier nicht nennen, denn auch wenn ich an einem Partner nicht mehr zusammenarbeiten will, steht es mir nicht zu, Details öffentlich auszubreiten. Steady ist keine Bar, aus der man jemanden wirft, der sich danebenbenimmt. Wir sind ein Zahlungsinfrastruktur mit Mitgliederverwaltung, eine Publisher-Community, Geschäftsgrundlage und Vertrauensraum für Medienmacher:innen, die mit uns arbeiten und deren Lebensunterhalt daran hängt. Dieses Geschäft von heute auf morgen zu zerstören, ist nicht nur rechtlich problematisch. Es würde Vertrauen bei allen unseren Medienmacher:innen zerstören.
Wir haben damals jedenfalls viel Lehrgeld bezahlt und öffentliche Kritik einstecken müssen, die berechtigt war. Wenige Jahre nach der Gründung haben wir unsere Community-Richtlinien deshalb ergänzt und neu gefasst.
Nicht alles was erlaubt ist, ist okay
Die Grundhaltung: Bei Steady gibt es Regeln, und wer sich daran hält, ist willkommen. Wer nicht, den bitten wir, seine Inhalte woanders zu veröffentlichen. Nicht, weil wir ihm das Recht auf freie Meinungsäußerung absprechen, sondern weil unser Raum für solche Inhalte nicht der geeigenete ist. Es gibt viele andere Räume – Substack zum Beispiel –, die weniger wählerisch sind.
Steady zieht die Linie nicht erst dort, wo das Strafrecht greift. Vieles kann legal sein und trotzdem nicht zu unseren Community-Standards passen. Unsere Richtlinien legt offen, was wir nicht verbreiten wollen: systematische Einschüchterung, Hass als Geschäftsmodell, frauenfeindliche oder rassistische Inhalte, extremistische Propaganda, Betrug, pseudowissenschaftliche Gesundheitsversprechen, Ausbeutung verletzlicher Menschen. Wichtig dabei: Es handelt sich bei diesen Community-Richtlinen nicht um Rechtsnormen. Letztendlich sind es subjektive Urteile über Inhalte, die wir nach eigenem Ermessen fällen müssen.
Übrigens gibt es auch wirtschaftliche Gründe für diese Haltung. Als Anbieter mit Zahlungsabwicklung unterliegen wir Pflichten jenseits des Strafrechts – zum Beispiel den Anforderungen unserer Zahlungsdienstleister bei Know-Your-Customer-Verfahren gegen Geldwäsche, Sanktionslisten und Betrugsrisiken. Legalität war also nie die einzige Grenze. Die Compliance dieser Anbieter erzwingt strengere Standards.
Wichtiger aber ist das Vertrauen, auf das wir angewiesen sind. Steadys Modell beruht darauf, dass Mitglieder uns ihre Zahlungsdaten und Publisher uns ihre Einnahmen anvertrauen. Eine Plattform, die als Monetarisierungskanal für Hass gilt, beschädigt die Geschäftsgrundlage aller anderen Publisher. Unser Ansatz schützt also nicht abstrakt die Gesellschaft, sondern konkret unsere übrigen Kund:innen.
Wenn wir Nein sagen, dann fair
Steady übt dabei keine Zensur aus. Wir verbieten niemandem zu sprechen. Wir entscheiden, wem wir unsere Infrastruktur, Marke und Reichweite geben. Nicht jede Ablehnung ist ein Sprechverbot, sondern nur das Ende einer Geschäftsbeziehung. Wollen wir mit jemandem nicht arbeiten, heißt das nicht: Du darfst das nicht sagen. Es heißt: Wir sind nicht der richtige Partner.
Also zieht Steady zwar Grenzen, aber wir haben uns auf ein Verfahren festgelegt, das einen fairen Ablauf sichert. Nicht ich entscheide, sondern eine Komitee aus drei wechselnden Kolleg:innen, die sich auf einen Hinweis von Usern hin die beanstandeten Inhalte mit unseren Richtlinie vergleichen und beurteilen, ob eine Publikation dagegen verstößt. Die Beendigung der Zusammenarbeit erfordert besondere Sorgfalt: Frühzeitigkeit, Vorhersehbarkeit, Begründung, Verhältnismäßigkeit, Korrekturmöglichkeit, Übergangszeit, Daten- und Mitgliederportabilität, keine öffentliche Demütigung und Sofortmaßnahmen nur bei besonders akuten Fällen.
https://steady.page/de/guidelines (Öffnet in neuem Fenster)Diese Regeln funktionieren seit 2020 reibungslos. Wir haben seitdem ab und zu die Zusammenarbeit mit bestimmten Publikationen abgelehnt oder auslaufen lassen. Die Prozesse verliefen seitdem meist geräuschlos, selbst wenn wir inhaltlich extrem uneins waren.
Was ich daraus gelernt habe: Plattformen dürfen Nein sagen – wenn auch nicht leichtfertig. Das macht mich nicht zu Elon Musk.
Bis nächsten Montag!
👋 Sebastian
PS: In der ursprünglichen Version hatte ich Tates Publikation als „The Free Press“ identifiziert, das war falsch, ich habe den Fehler entfernt.
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