Es ist Montagmorgen. Du liest die Blaupause, den Newsletter, mit dem du Communitys besser verstehst und erfolgreich Mitgliedschaften anbietest. Heute: Ein künstlicher Philanthrop lässt mich an der Welt zweifeln.
Hallo!

Es gibt Leute, die gibt es gar nicht.
So einer ist Jean Philanthrope (Öffnet in neuem Fenster), kurz Jean Phil. Er trägt eine Art aufgeplusterte Prinz-Eisenherz-Frisur in Blond, einen gezwirbelten Kaiser-Wilhelm-Bart und braunen Hahnentritt-Anzug. In seinen Videos sitzt Jean Phil irgendwo in Paris, isst oder trinkt, steht auf und boxt in die Luft. „Oui Madame“ steht in den Beschreibungstexten: „Do you always dress this sharp? Oui Madame. (Öffnet in neuem Fenster)“ „I see the sun shine at night. Oui Madame. (Öffnet in neuem Fenster)“

Seine Videos bei Instagram und TikTok gibt es erst seit dem 17. September, und er hat insgesamt nur neun Videos veröffentlicht, keines länger als eine halbe Minute. Die Filmchen sind ein viraler Erfolg: Der erste Instagram-Film hat bis heute 19 Millionen Aufrufe und 1,7 Millionen Likes, der erste TikTok-Film hat 15 Millionen Aufrufe. Zum Vergleich: Die Tagesschau um 20 Uhr hat rund 9 Millionen Zuschauer.
Jede zweite Fälschung bleibt unerkannt
Jean Phil gibt es wie gesagt gar nicht. Aber trotz seines völlig absurden Aussehens habe ich ehrlich gesagt eine Weile gebraucht, um zu merken, dass es sich hier um künstlich hergestellten Slop handelt, also um von künstlicher Intelligenz errechneten, ganz und gar künstlichen Content.

Damit bin ich nicht allein: Laut einer Studie (Öffnet in neuem Fenster) aus dem vergangenen Monat erkannten die Probanden nur etwa die Hälfte der Fälschungen neuester Generation. Ältere Fälschungen aus dem Vorjahr erkannten dieselben Testpersonen noch in drei Vierteln der Fälle. Ein Viertel der echten Videos hielten die Testpersonen wiederum für Fälschungen – die Verunsicherung ist groß.
Ein echter Mensch liefert nur noch die Bewegung
Die dahinterstehende Technik nennt sich Motion Transfer, umgangssprachlich Reskin, „Umhäuten“. Dabei überträgt die KI die Bewegung eines echten Menschen auf eine erfundene Figur und berechnet dabei Körper, Kleidung und Hintergrund neu. In unserem Beispiel hat also wahrscheinlich ein echter Mensch vor einem echten Café sein Schattenboxen gefilmt. Ein Standbild daraus hat er mit KI verändert, mit einem Befehl wie: „blonder Bob, Schnurrbart, Anzug“, bis die Figur bescheuert genug aussah, um in Video-Apps aufzufallen. Auf dieser Basis baut nun das Programm das Video neu, nur die Bewegung bleibt gleich.
Wer der echte Mensch im Ausgangsvideo ist, weiß niemand. Verwendet hat die unbekannte Person wahrscheinlich eine App namens Seedance (Öffnet in neuem Fenster), bereitgestellt von ByteDance, dem Eigentümer von TikTok. Andere Programme heißen Kling Motion Control (Öffnet in neuem Fenster), Runway Act-Two (Öffnet in neuem Fenster) und Wan Animate (Öffnet in neuem Fenster) und kommen alle aus den USA oder China. So ein Video kostet zwischen 10 und 20 Dollar.
Zwei Tage später kommt die Münze
Absurd genug, aber das ist nur der eine Teil unserer Geschichte.
Denn zwei Tage nachdem das erste Video erschienen war, brachten die Unbekannten einen Meme-Coin heraus, der seinen Namen trägt, $JEANPHIL. Ein Meme-Coin ist eine Art virtuelle Sammelkarte, die man auf Basis einer Kryptowährung in speziellen börsenartigen Apps handeln kann. Die Bewertung hängt allein davon ab, wie viele Leute sie gerade haben wollen. Wenn Millionen Menschen die Filme sehen und einige Tausend davon die Münze kaufen, steigt der Preis explosionsartig.
Herausgegeben wurde $JEANPHIL über eine Internetseite namens pump.fun (Öffnet in neuem Fenster). Dort kann jeder in wenigen Minuten und kostenlos eine eigene Münze erfinden. Seit 2024 sind dort 15 Millionen solcher Münzen (Öffnet in neuem Fenster) entstanden. 99 Prozent davon sind nach kurzer Zeit wertlos.
Am 20. September um 19 Uhr deutscher Zeit erreichte $JEANPHIL seinen Höchststand: einen rechnerischen Marktwert von 11,6 Millionen Dollar. Am nächsten Tag war der Wert auf 1,8 Millionen gefallen.
(Öffnet in neuem Fenster)Sie kassieren bei jedem Handel
Das meiste Geld haben nicht die Jean-Phil-Erfinder:innen herausgezogen, sondern Händler, die in der ersten Stunde kauften. Die Auswertungsseite DexScreener (Öffnet in neuem Fenster) listet die 100 erfolgreichsten Händler am Haupthandelsplatz. 32 von ihnen haben dort nichts oder fast nichts gekauft, aber zusammen für rund 645.000 Dollar verkauft. Sie hatten ihre Karten also schon vorher, sehr wahrscheinlich aus den ersten 50 Minuten, bevor die Münze in den offenen Handel ging. Der erfolgreichste einzelne Händler machte rund 98.000 Dollar Gewinn. Das riecht natürlich nach Insider-Handel und Marktmanipulation.

Nach außen sieht alles sauber aus: Die Krypto-Wallet der Macher ist öffentlich einsehbar (Öffnet in neuem Fenster). Sie heißt dort „JeanPhilMadame“ und hat bis heute nichts verkauft, sondern hält noch 13,6 Millionen Stück, etwa 1,4 Prozent des Bestandes. Stand gestern waren diese Karten theoretisch rund 79.000 Dollar wert, sind aber auch während des Höchststandes nicht verkauft worden.
Der Trick für die Macher: Sie verdienen zwar nicht durch Verkauf, aber sie profitieren vom Handel. In den ersten 16 Tagen wurden $JEANPHIL-Karten für rund 60 Millionen Dollar gehandelt. Bei jedem Kauf und jedem Verkauf geht ein kleiner Anteil an denjenigen, der die Münze erfunden hat, zwischen 0,05 und 0,95 Prozent (Öffnet in neuem Fenster), je nach Phase. Das ist wie ein Kasino, das an jedem Einsatz mitverdient, egal wer gewinnt.
Die Gebühren werden in SOL ausgezahlt, der Währung dieses Computerregisters. Die erste Auszahlung holten die $JEANPHIL-Creators in der Nacht zum 23. September ab: 1.359 SOL, damals rund 160.000 Dollar, nach nur drei Tagen. Bis gestern folgten sieben kleinere Auszahlungen. Insgesamt haben sie rund 248.000 Dollar an Handelsgebühren eingenommen. Eingesetzt haben sie 42,78 Dollar.

Das Vorbild sitzt im Weißen Haus
Diese Masche ist nicht neu. Der amerikanische Präsident führte sie 2025 mit einer eigenen Meme-Coin im großen Stil vor. Drei Tage vor seiner zweiten Amtseinführung brachte Trump eine eigene Münze heraus, $TRUMP. Zwei Firmen aus seinem Besitz behielten 80 Prozent aller Münzen. Der Preis stieg erst und fiel dann. Fast eine Million Käufer:innen verloren zusammen 3,8 Milliarden Dollar; Trump dagegen verdiente an jedem Handel mit – genau wie die Macher von Jean Phil, nur in anderer Größenordnung: rund 635 Millionen Dollar.
Zwei Tage nach $TRUMP erschien eine Münze für seine Frau (Öffnet in neuem Fenster), $MELANIA. Dann empfahl Argentiniens Präsident Javier Milei (Öffnet in neuem Fenster) eine Münze namens $LIBRA. Schon 2024 hatten Sänger Jason Derulo (Öffnet in neuem Fenster), Caitlyn Jenner, der (inzwischen festgenommene) Influencer Andrew Tate (Öffnet in neuem Fenster) und mehrere Rapper eigene Münzen herausgebracht.
Das Muster ist immer dasselbe:
Jemand gewinnt schnell an Aufmerksamkeit – egal, ob durch ein Amt oder ein lustiges Video.
Er oder sie bringt einen Meme-Coin heraus, solange die Aufmerksamkeit am größten ist.
Insider kaufen in den ersten Minuten.
Die Leute von Social Media kaufen, weil sie auf schnelle Gewinne spekulieren, der Preis steigt.
Die Insider verkaufen, der Preis fällt. Manche Macher verkaufen dann selbst (Pump and Dump), wie Trump, was an Betrug grenzt. Auf jeden Fall verdienen sie zusätzlich an jedem Handel mit.
Inzwischen gibt es dutzende Kopien von Jean Philantrope, mit ihren jeweils eigenen Meme-Coins. Einige davon sind erfolgreich. Wer früher zumindest Berühmtheit plus Skrupellosigkeit benötigte, kommt inzwischen also auch mit ein paar bescheuerten KI-generierten Videos und viel Glück klar.
Ich werfe ungern mit dem Begriff late-stage capitalism um mich, und ich bin weder Marxist noch Nihilist, aber diese sinnleere Verbindung von KI-Slop und Krypto-Scam, von Gier, Spekulation, Betrug und Korruption wirft ein schlechtes Licht auf den aktuellen Zustand unserer Welt.
Zum Glück wird all das – wie immer im Internet – vorübergehen.

Bis Montag!
👋 Sebastian
PS:
Sonntag ist beim mir inzwischen Newsletter-Sonntag. Es landen mehr und mehr tolle Sonntags-Newsletter in meinem Postfach und ergeben zusammen eine Art Sonntags-Autor:innenzeitung. Der Siebte Tag (Öffnet in neuem Fenster) von Nils Minkmar ist inzwischen schon ein Klassiker dieses jungen Genres, auch Hasnain Kazims Erbauliche Unterredungen (Öffnet in neuem Fenster) gehört natürlich dazu und Theresa Bäuerleins Wie du nicht den Verstand verlierst (Öffnet in neuem Fenster).
Seit gestern gibt es einen Neuzugang, auf den ich mich jetzt jedes Wochenende freuen darf: Thomas Knüwers neuer Newsletter Techs Benedict (Öffnet in neuem Fenster): „Ich glaube, es gibt in Deutschland eine Medienlücke. Niemand erklärt diese Themen wie KI, Flugtaxis oder Fusionsreaktoren im Kontext von Wirtschaft und Gesellschaft und das unvoreingenommen, faktenbasiert und fortschrittsoptimistisch so, dass auch Nicht-Techniker es verstehen. ‚For the rest of us‘, nennen das die Amerikaner. Genau das möchte ich mit Techs Benedict tun – und das immer am Sonntag zu Deinem Frühstück oder Brunch.“
→ Hier kostenlos anmelden (Öffnet in neuem Fenster).
Nachtrag zur Blaupause von vergangener Woche, in dem ich darauf hingewiesen habe, dass dramatische Schicksals-Storys über Menschen Digital-Abos verkaufen, Politik aber kaum: Die ganze Woche über wurde mir dieser Tiktok-Beitrag von der „Zeit“ als bezahlte Anzeige aufgedrängt.
Der beworbene Scoop ist ein Interview mit den (minderjährigen) Kindern von Christina Block, die angeklagt ist, diese entführen lassen zu haben. Früher wäre das eher ein Boulevardthema gewesen. Heute verkauft das deutsche Qualitäts-Leitmedium damit seine Plus-Abos.
(„entführen lassen zu haben“ ist richtig. Das ist der sogenannte Ersatzinfinitiv, ich hab’s nachgeguckt.)
Der „Economist“ ist gut darin, Dinge auf den Punkt zu bringen.

Wie früher der Spiegel, lang ist’s her.

Das wäre doch mal ein ikonisches Spiegel-Titel:

Nachtrag zu vergangener Woche: Die angekündigte Studie zur FInanzierung von Indie-Medien in Europa ist erschienen, alle wirklich spnnenden Erkenntnisse aufbereitet auf einer guten Webseite.
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